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Verlagsinfo:
Der Lebensstandard breiter
Bevölkerungsgruppen sinkt, die Arbeitslosigkeit nimmt
zu, der Ausweg in die Dienstleistungsgesellschaft erweist
sich als Illusion. Die Marktwirtschaft wird mit ihren Produktivitätssprüngen
- Automation und Globalisierung - nicht mehr fertig.
Robert Kurz seziert die Marktwirtschaft,
zeichnet die drei industriellen Revolutionen nach und belegt,
wie der Kapitalismus aus weitverzweigten Wurzeln und vielen
Quellen im Laufe der Geschichte Varianten seiner inneren Widersprüchlichkeit
hervorgetrieben hat: Liberalismus und Sozialdemokratie, den
Staatssozialismus als Form nachholender Modernisierung, aber
auch immer wieder Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus.
Es zeigt sich, dass die bisherigen Gegenentwürfe das
Wesen der kapitalistischen Geldmaschine ungangetastet ließen
und selber nur Trendsetter jener permanenten 'Modernisierung'
waren, die sich zunehmend als antisozialistischer Drohbegriff
entpuppt. Aber ausgerechnet in demselben Maße, wie er
von allen Parteien zum alternativlosen Schicksal der Menschheit
erklärt wird, treibt der Kapitalismus heute auf eine
ausweglose Situation zu.
(©
2001 Ullstein Verlag)
Fazit:
Im Glauben fest
Robert Kurz hat sich bei der Wahl des Titels inspirieren lassen
vom Schwarzbuch
des Kommunismus, worin die 100 Millionen Morde des
Kommunismus recherchiert sind.
Robert
Kurz ist ein Angehöriger der 68-er Revoluzzer. Im Gegensatz
zu vielen seiner Gesinnungsgenossen hat er den "langen
Marsch durch die Institutionen" an die Fleischtöpfe
der von ihnen nicht geschaffenen, aber dafür umso mehr
abgesahnten Gesellschaft verschmäht und blieb auch im
Glauben fest.
Zitat, Seite 259: „Es sind häufig ehemalige
Kapitalismuskritiker der Bewegung von 1968, die nun die Ehre
haben, selbstbewußt und in Armani-Anzügen das Leben
der Menschen unter „Finanzierungs-Vorbehalt“ zu
stellen.“
Rober Kurz wurde nicht, wie mancher andere, zum Renegaten.
Er bleibt den Ideen des Dr. Marx verbunden. Seine Ehre heißt
Treue.
Was
ist die Prophezeiung wert?
Schon vor über 13 Jahren, als Illusionisten noch an die
Lüge der "blühenden Landschaften in den neuen
Bundesländern" glaubten, gewann er durch die Sentenz
"Die DDR wird uns nicht wie eine reife Banane in
den Schoß fallen, sondern wie ein Mühlstein um
den Hals." nicht
nur Freunde. Diese Vorhersage wurde verifiziert - mit kräftiger
Hilfe durch das wirtschaftliche Banausentum des damaligen
Kanzlers.
Im
Schwarzbuch des Kapitalismus schreibt Robert Kurz
auf Seite 14 im Prolog: "Die kapitalistische Industrialisierung,
die im späten 18. Jahrhundert angestoßen wurde,
tritt in das Stadium der Ausweglosigkeit ein. Es kann nur
noch ein Abenteuer geben: die Überwindung der Marktwirtschaft
jenseits der alten staatssozialistischen Ideen. Danach mag
eine andere Geschichte beginnen."
Was ist der Wahrheitswert dieser Prognose?
Linkes Lästern
Robert Kurz betreibt Systemkritik, die unter die Haut geht.
Wem
es widerfährt, dass ihm beim Ansichtigwerden der Physiognomien
so mancher Wirtschaftsführer die Galle hochkriecht, wen
es ins Grübeln bringt, dass bei der Deutschen Bank im
Bereich Global Markets ein einziger Angestellter 2003 laut
FAZ (FAZ vom 3.4.2004, Nr. 80, Seite 21) 100 Millionen Euro
(in Worten: einhundert Millionen Euro) bezog (könnte
man hier ernstlich noch von "Verdienen" sprechen?),
wer nach der Kotztüte greift, wenn die politische Phrasendreschmaschine
mal wieder betätigt wird, wer eine Mutter kennt, die
einen Arztbesuch sich nicht leisten kann, wer mit einem Rollstuhlfahrer
sprach und erfuhr, was bei Behinderten finanziell abgeht,
der leihe/miete/stehle/erbettle/kaufe dieses Buch.
Robert
Kurz gelingen Formulierungen von alttestamentarischer Wucht.
Zitat, Seite 653: „Allein der Ausdruck „Freizeit“
verweist schon auf die Ursprünge in den Irrenhäusern
des 18. Jahrhunderts, auf eine bloße Restzeit jenseits
der Domestizierung des Menschenmaterials in Fabrik und Büro.“
Kurz
behauptet, keine Lösung zu haben, regt jeden einzelnen
dazu an, "Sand im Getriebe" zu sein. Dennoch lässt
er immer wieder durchblicken, dass er ein Rätesystem
für die Lösung hält. Rätesystem hatte
die Sowjetunion. Wer will dahin zurück?
Zu
kritisieren ist:
Das umfangreiche Werk hat kein Register.
Er zitiert den Marquis de Sade ausführlich als Wirtschaftstheoretiker.
Auf diese Idee muss man erstmal kommen.
Zitat,
Seite 519, letzter Absatz: „Obwohl die als „friedliche
Marktwirtschaft“ maskierte Weltmaschine des Kapitals
in ihren objektivierten Wirkungen mehr Menschen- und nicht
zuletzt Kinderopfer gefordert hat als sämtliche äußeren
Repressionen und Kriege aller modernen Diktaturen zusammengenommen,
werden nur die letzeren Opfer als solche gezählt [...]“.
Allein Stalin hat 60 Millionen Menschen getötet.
Robert
Kurz greift in die Trickkiste der Altlinken: Er behauptet,
die „staatskapitalistische Sowjetunion“ sei nicht
kommunistisch gewesen. Immerhin bezeichnete sie selber sich
so.
Wohin
Kommunismus führt kann man auch an den 6 Millionen Morden
der Roten Khmer in Kambodscha und an der Kulturrevolution
im maoistischen Rotchina studieren. Oder man besuche die neuen
Bundesländer.
Er
behauptet, die "DDR" habe sich "real existierender
Sozialismus genannt". Das ist falsch. Sie nannte sich
zunächst "Paradies der werktätigen Klasse"
und erst, als sie in den letzten Zügen lag, wurde sie
umetikettiert zum "real existierenden Sozialismus",
was der durchsichtige Versuch war und ist, den Sozialismus
zu retten.
Er
setzt gleich: Aufklärung = Liberalismus = Marktwirtschaft
= Kapitalismus = IMF = Weltbank. Er handhabt diese Begriffe,
als seinen sie synonym. Das sind sie nicht.
Er tut so, als sei das fragwürdige Wirken der Weltbank
und des IMF der Marktwirtschaft eingeboren.
Er verschweigt, dass es verschiedene Spielarten der Marktwirtschaft
gibt. Das Spannungsverhältnis besteht zwischen überholtem
laissez-faire und sozialer Marktwirtschaft.
Die
soziale Marktwirtschaft in der Form des Ordoliberalismus sorgte
für Wohlstand für alle. Man sehe sich den Aufschwung
der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1973 an. 1973
saßen an den Schaltstellen der Macht seit vier Jahren
linke Ideologen, deren erklärtes Ziel es war, "die
Belastbarkeit der Wirtschaft" zu testen.
Wer
ernsthaft an eine Alternative zur Marktwirtschaft glaubt,
verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Adam Smith
sagt sinngemäß: “Der Bäcker und der
Fleischer geben mir ihre Waren nicht aus Menschenfreundlichkeit,
sondern weil sie damit ihren eigenen Interessen dienen.“
Wer kann über seine eigenen Interessen besser bestimmen
– der einzelne Mensch für sich selber oder anonyme
Gremien für den einzelnen?
Im
umfangreichen – für alte Linke typischen –
Literaturverzeichnis nennt er mehrmals als Quelle die Nürnberger
Nachrichten, aber es fehlen Eucken, Schumpeter, Paul Samuelson,
E. F. Schumacher, Jürgen Eick, Ludwig Erhard, Nell-Breuning.
Die
Extreme berühren sich
Es gibt den französischen Spruch "Les extremes se
touchent" (Die Extreme berühren sich). Robert Kurz
ist näher - als man zunächst vermuten würde
- an Julius Evola, der als alter Mann die italienische 68–er
Studentenrevolte wohlwollend begrüßte und dessen
Werk Den Tiger reiten von den Protestlern gern gelesen
wurde.
Vergleichen wir:
• Robert Kurz, Seite 39: „Der Liberalismus
[...] ist letzten Endes nur eine Spielart des modernen Totalitarismus
selbst;“
Robert Kurz, Seite 58: "Wenn hier etwas "klar"
wird, dann ist es die wahre Natur der westlich-kapitalistischen
"freien Nationen", wo zwar "Sklaverei nicht
erlaubt sind" [...] der Liberalismus aber fast 300 Jahre
daran gearbeitet und es geschafft hat, eine neue Art der Sklaverei
mit unsichtbaren Ketten zu installieren."
"Vermittelst der jakobinischen Illusion des Liberalismus
nimmt der moderne Kapitalismus feste Formen an, um schließlich
in eine kapitalistische Oligarchie einzumünden, welche
unter dem parlamentaristisch-demokratischen Regime jede Politik
kontrolliert und beherrscht." (Baron Julius Evola.
Er kritisierte Mussolini von rechts. Gottfried Benn war von
seinem Buch Revolte gegen die moderne Welt begeistert.)
•
Robert Kurz, Seite 772: „die schiere Existenz eines
Arbeitsmarktes verrät eine allgemeine Systemsklaverei
...“
„Die Grundidee war, daß die Arbeit nicht dazu
dienen solle, den Menschen in Fesseln zu legen, sondern ihn
zu befreien: um ihm eben zu gestatten, höhere Interessen
zu verfolgen, nachdem die Frage der Erfüllung der Daseinsbedürfnisse
geregelt war. Kein wirtschaftlicher Wert erschien dem Menschen
hoch genug, um seine Unabhängigkeit zu opfern und das
Dasein zum Erwerb nicht lebensnotwendiger Dinge im Übermaß
zu beanspruchen.“ (Julius Evola.)
•
Robert Kurz, Seite 117: "Indem die Aufklärungsvernunft
sich defensiv eingrub, wurde sie allmählich "positivistisch",
d.h. sie versuchte sich auf die vom Kapitalismus gesetzten
"positiven Tatsachen" zu beschränken und alles
andere ins Wolkenkuckucksheim unfruchtbarer Metaphysik zu
verweisen. [...] konnten die Herren nun "Realismus"
predigen."
"Heute
versteht man grundsätzlich unter Wirklichkeit nur das,
was nicht über die Welt der Körper in Raum oder
Zeit hinausgeht." (Julius Evola)
Der
Arzt, der dem Grippekranken zum Selbstmord rät
Das Buch lässt nicht kalt - insbesondere die Schilderung
der zum Himmel schreienden Mißstände im 19. Jahrhundert.
Robert Kurz suggeriert als Lösung „Räte“.
Damit betätigt er sich als Arzt, der dem Grippekranken
zum Selbstmord rät.
Mit seinem Rat „Sand im Getriebe zu sein“ hätte
er sich mit dem reaktionären Individualanarchisten Evola
gut verstanden.
Die
Problematik geht weit über lediglich Ökonomisches
hinaus. Lesen Sie auch E. F. Schumacher, Leopold Kohr, Jean
Ziegler.
(©
2004 Holger Roehlig für all-around-new-books.de)
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