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(Wieder)entdeckt

Die Kassiererinnen

Autor: Wilhelm Genazino

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 155 Seiten
erschienen: Juli 1998
Rowohlt
ISBN: 3498024841
Preis: 16,00 Euro

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Klappentext:
Ein verstecktes Gelächter eröffnet den neuen Roman von Wilhelm Genazino. Es gilt einem Mann, der sich auf seine Ernsthaftigkeit immer etwas zugute gehalten hat. Jetzt, auf einmal, löst seine Person öffentliche Heiterkeit aus. Bestürzt untersucht der Erzähler seine Gewohnheiten und seinen Alltag und stellt fest, daß an seiner äußeren Erscheinung dann und wann Momente einer Verschrobenheit aufblitzen, die nichts weiter sind als Hinweise
darauf, daß er sich selbst näher gekommen ist, als er je beabsichtigt hatte.

(© 1998 Rowohlt Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:
Vor zwei Jahren hat er seine Frau verloren, der Ich-Erzähler in Wilhelm Genazinos kleinem Roman Die Kassiererinnen. Der Verlust ist größer, als er selbst erfassen kann: Er hat seine Mitte verloren, die ihn als ein normales Mitglied der Gesellschaft auszeichnet. Warum lebt man? Warum tut man etwas? Der Alltag ist so sinnlos, so belanglos, so trostlos geworden. Am liebsten möchte er einfach irgendwohin verschwinden. Natürlich verschwindet er nicht. Er hat ja auch kein Ziel, es wäre eine Flucht, die sein Inneres nicht verändern, heilen würde. So läuft er durch seine Stadt und beobachtet die Menschen bei ihren gewöhnlichen Tätigkeiten. Kann man darin einen Sinn erkennen, oder verhalten sie sich nicht allesamt lächerlich? Und dann passiert etwas, dass sein Problem noch verstärkt. Bei einer belanglosen Verrichtung wird er von zwei Männern ausgelacht. Er ist also auch lächerlich. Es ist nicht nur sein inneres Gefühl dieses Zustands, andere sehen es ihm von außen an.

Neben einigen Bekannten, sie würden sich vielleicht sogar Freunde nennen, die er regelmäßig trifft, was ihm allmählich lästig fällt, ist da noch die junge Tänzerin Wanda, an der ihm "ihre Fähigkeit, klaglos durch die Welt zu gehen" am besten gefällt. Beide wissen zunächst nicht so recht, ob und wie sie sich näherkommen wollen und können. Er, da er im Kontakt zu Frauen ein bisschen aus der Übung ist; sie, da ihr vielleicht diese Erfahrung mit Männern überhaupt fehlt.
Am Schluss kommt unser Protagonist zu der wichtigen Überzeugung, "dass alle Menschen offen oder verdeckt am Projekt ihrer Lächerlichkeit arbeiten" und dass "wer lebt, sich von Zeit zu Zeit ein paar lächerliche Gedanken machen" muss. Ja, er kann sich wieder zu ihnen zählen.

Wilhelm Genazino gelingt mit diesem kleinen Roman eine sehr innerliche Beobachtung eines Durchschnittsmannes gemessen an der Realität, den Menschen, den Ereignissen einer Großstadt. Es geht um die Sinnsuche unserer satten Luxus-Gesellschaft, in der wir zwar keine Überlebenssorgen haben, die uns jedoch seit einigen Jahren umtreibt und gelegentlich verzweifeln lässt.
Die Kassiererinnen drückt das Lebensgefühl, die Denk- und Leidensstrukturen einer bestimmten Mittelstandsszene unserer Gesellschaft um die Jahrhundertwende aus. In einer komprimierten, ausdrucksstarken Sprache stellt dieses kleine Werk (und natürlich sein Autor) eine literarische Orchidee dar, die leider bislang noch von zu viel dichtem, schnell wachsendem Bücher-Unkraut verdeckt wird. Der 61-jährige Wilhelm Genazino, der inzwischen ein umfangreiches Gesamtwerk von Romanen und unzähligen Hörspielen vorgestellt hat, ist leider noch immer nur einer kleinen, allerdings stetig wachsenden Lesegemeinde bekannt. Hoffen wir, dass die Verleihung des Georg-Büchner-Preises in diesem Jahr ihm die Popularität und Anerkennung bringt, die dem Autor aufgrund seiner literarischen Qualität gebührt. In der Gruppe dieser Preisträger ist er in sehr guter Gesellschaft, in die er auch gehört.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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