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Rückentext:
Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 zählt zu den großen Ereignissen der deutschen Geschichte. Hunderttausende erhoben sich in Ostdeutschland für Freiheit und Demokratie. Hubertus Knabe, einer der besten Kenner der DDR-Geschichte, legt die erste umfassende, auf neuester Forschung beruhende Darstellung jener dramatischen Tage vor.
(©
2004 Ullstein Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Im Juli 1952 hatte die II. Parteikonferenz der SED die "Verschärfung
des Klassenkampfes" propagiert. Für die Wirtschaft
hieß das ganz unverblümt, die Arbeitsleistungen
zu steigern. Die Regierung in Ost-Berlin ordnete sogar "Maßnahmen
zur Überprüfung der Arbeitsnormen" an,
mit dem Ziel, sie um zehn Prozent zu erhöhen. Und so
traten die Bauarbeiter der Stalinallee, die sich als Elitetruppen
fühlten, am 17. Juni 1953 in den Streik. Das war vier
Jahre nach Gründung der DDR das Signal für eine
spontane Volkserhebung im Osten Deutschlands. Die DDR-Führung
sprach jahrzehntelang von einem "konterrevolutionären
Putsch, ausgelöst von imperialistischen Spionage- und
Agentenzentralen", während man in der Bundesrepublik
im 17. Juni 1953 eines der Schlüsselerlebnisse der deutsch-deutschen
Geschichte sah, das man bis 1989 ritualhaft als "Tag
der deutschen Einheit" beging, und der erst nach der
Wiedervereinigung 1990 durch den 3. Oktober ersetzt wurde.
Hubertus Knabe, der acht Jahre wissenschaftlicher Direktor
der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im ehemaligen
zentralen Untersuchungsgefängnis des DDR-Staatssicherheitsdienstes
war, legt nun mit 17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand
eine umfassende Gesamtdarstellung jener dramatischen Tage
vor. Er zieht in seinem knapp 500-seitigen Werk eine detaillierte
Bilanz der Vorgeschichte, des Verlaufs und der Folgen des
Juni-Aufstandes. Im Kapitel "Ursachen" geht
Knabe auf die Suche nach den markanten Faktoren für die
Volkserhebung vom Tod Stalins im März 1953 bis zur Wirtschafts-
und Versorgungskrise verbunden mit einer Verschlechterung
des Lebensstandards. Insgesamt ist der 17. Juni 1953 nur zu
verstehen, wenn man die Erfahrung eines jahrelangen, immer
weiter ausufernden Terrors gegenüber der Bevölkerung
in Rechnung stellt.
Entstehung und Verlauf der Volkserhebung im Juni 1953 sind durch Quellen mittlerweile gut belegt. Nach Öffnung der DDR-Archive konnten Wissenschaftler und Aufarbeitungsinitiativen die Ereignisse für viele Regionen genau nachzeichnen. Neben den Berliner Bau-arbeitern, die als Erste ihren Protest auf die Straße trugen, und den anderen Demonstrationen in Berlin, wo fast 100.000 Menschen auf die Straße gingen, beschreibt der Autor ausführlich die Proteste in den anderen Teilen der DDR. Die Kunde vom Marsch der Bauarbeiter durch die Stalinallee verbreitete sich wie ein Lauffeuer und fast die gesamte Republik wurde von diesem Flächenbrand erfasst. Arbeitsniederlegungen gab es in Chemnitz und Potsdam und Demonstrationen in Cottbus und Dresden. In verschiedenen Orten wie Halle, Bitterfeld und Görlitz bildete sich sogar für Stunden eine neue, revolutionäre Gegenmacht heraus. Knabe zeigt außerdem, dass der 17. Juni kein reiner Arbeiteraufstand war, dass es auch in Dörfern rumorte und zu Protesten kam. Auf Dorfversammlungen wurde noch wochenlang massive Kritik an der Regierung geübt. Die ostdeutsche Intelligenz verhielt sich dagegen meist abwartend oder sogar ablehnend gegenüber den Demonstranten.
Abschließend werden die Maßnahmen untersucht,
die die Verantwortlichen der DDR-Regierung und der sowjetischen
Besatzungsmacht unternahmen, um den Juni-Aufstand niederzuschlagen.
Als Retter der SED-Herrschaft erwies sich dabei die Sowjetunion,
die mit annähernd 500.000 Soldaten und ihren Panzern
ein erdrückendes militärisches Machtpotential besaß.
Im Nachwort hält der Autor noch einmal fest, dass es
beim 17. Juni 1953 um eine "Massenerhebung von einzigartiger
Kraft und Spontanität" ging. Es handelte
sich dabei um keinen sozialen Protest, sondern um eine politische
Bewegung mit klar umrissenen Ziel von Freiheit und Demokratie.
Ein umfangreicher Anhang mit Anmerkungen, Bibliographie sowie
Orts- und Personenregister erleichtert die vertiefende Lektüre.
Außerdem veranschaulichen zahlreiche Dokumentarfotos
und zwei Übersichtskarten die Rückschau der Geschehnisse.
Aus vielen Fakten und Quellen ist ein zündstoffreiches
Buch entstanden, das auch dank der klaren und doch packenden
Sprache ein Kapitel deutscher Geschichte äußerst
lebendig werden lässt. Eine verdienstvolle Veröffentlichung,
die eindringlich die Ursachen und Hintergründe des Volksaufstandes
zeigt und damit sicher zu einem Standardwerk avanciert.
(©
2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)
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